Ohne Chefin, ohne Chef. Arbeiten frei von Hierarchien – Ein Interview mit Rainer Brühl von den Radgebern.

Die 1980 gegründete Selbsthilfewerkstatt für Fahrradreparaturen in der Habsburgerstraße ist mittlerweile Kult in Freiburg. Sie wird geführt von einem 16-köpfigen Team und umfasst die Ladengeschäfte „die Radgeber“ und „der Tandemladen“. Dass es sich bei dem kleinen Betrieb nicht um ein gewöhnliches Fahrradunternehmen handelt, wissen die Wenigsten. Wir haben uns Anfang November mit Rainer Brühl, dem langjährigsten Mitarbeiter des Teams zu einem Interview getroffen, um mit ihm über ein ganz besonderes Konzept des Arbeitens zu sprechen.

©Tobias Rieker

Hallo Rainer. Kannst du uns kurz erklären, warum ihr keine gewöhnliche Fahrradwerkstatt seid?

Was uns am stärksten von anderen Läden unterscheidet ist, dass wir keinen Chef und keine Chefin haben. Alle Abläufe und Entscheidungen werden als Team gemeinschaftlich angegangen und getroffen, wobei jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter gleichberechtigt ist. Auch wenn ich schon am längsten dabei bin, bin ich nicht wichtiger oder habe mehr zu sagen, als jemand der erst letztes Jahr bei uns angefangen hat.

Einen weiterer Unterschied ist unsere offene Werkstatt. Hier kann jeder und jede sein Fahrrad unter Anleitung einer unserer Mitarbeitenden selbst reparieren. Man bezahlt lediglich für die Nutzung der Werkstatt pro Stunde und Person 3€, sowie für Ersatzteile.

Seid ihr mit diesem Konzept von Anfang an gestartet oder entwickelte es sich erst über die Jahre hinweg?

Es hat sich mit der Zeit entwickelt. Die Selbsthilfewerkstatt wurde 1980 von Studierenden der Sozialen Arbeit als soziales Projekt gegründet. Als ich 8 Jahre später dazugekommen bin, wurde die Werkstatt ehrenamtlich geführt und mein damalige Kollege Manfred suchte jemanden, der ihm hilft aus dem Ehrenamt einen Beruf zu machen. Somit haben wir erstmals 1.500 DM in Ersatzteile investiert und gehofft, dass das Ganze funktioniert. Im Prinzip haben wir den Laden deshalb auf die Beine stellen können, weil wir zu Beginn bereit waren für wenig Geld zu arbeiten. Somit mussten wir auch keinen Kredit aufnehmen, sondern konnten das Geschäft ganz langsam wachsen lassen.

 

„Ich sehe es als Profit an, wenn alle unsere Arbeitsplätze finanziert sind und wir von unserer Arbeit leben können.“

 

Es gab damals noch nicht die explizite Idee gemeinschaftlich zu arbeiten, aber mir war bereits klar, dass ich lieber auf einer Ebene mit Menschen zusammen arbeiten möchte und mich nicht als Chef darstellen muss, der ansagt was es zu tun gibt.

Das heißt von Anfang an war es das Ziel der Werkstatt sich selbst zu erhalten und nicht das Erwirtschaften von Profit?

Ich sehe es als Profit an, wenn alle unsere Arbeitsplätze finanziert sind und wir von unserer Arbeit leben können. Darüber hinaus müssen wir jetzt keine hohen Summen generieren. Schön ist es natürlich, wenn es mit der Zeit besser läuft oder wir mehr Leute bezahlen können. Vielleicht ist das der Unterschied zu einem klassischen Betrieb, in dem der Chef oder die Chefin die Angestellten als Kosten betrachten und alles was darüber hinaus übrig bleibt als Profit. Da sieht man es dann nicht unbedingt als Qualität an, wenn man einigen Menschen Arbeit bieten kann, sondern man braucht darüber hinaus etwas, um das Geschäft als rentabel zu betrachten.

Die Selbsthilfewerkstatt in der Habsburger Straße. Foto: ©Tobias Rieker

Welche Hürden sind mit der Zeit entstanden? Gab es vielleicht mal den Punkt an dem ihr Zweifel hattet, dass sich das Projekt selbst erhält?

Die Hürden waren weniger finanzieller als menschlicher Art. Wenn du gleichberechtigt miteinander arbeitest bist du manchmal selbst dein größter Gegner. Man muss erst einmal lernen, dass nicht alles was man sich wünscht später auch so passiert. Zu akzeptieren, dass die eigenen Ideen, auch wenn man sie selbst für sehr gut hält, nicht umgesetzt oder abgelehnt werden, ist für viele am Anfang schwierig. Gerade in den ersten Jahren hatten wir ein bis zwei Punkte an denen das ganze Projekt hätte sterben können, weil die persönlichen Differenzen und die Kommunikationsstruktur so gestört wurden, dass es fast unmöglich wurde zusammen zu arbeiten. Mittlerweile haben wir viel dazu gelernt und auch Strukturen entwickelt, die es Neueinsteigern viel einfacher machen reinzukommen.

Das heißt die Entscheidungsfindung und der gesamte Prozess dabei gestaltet sich eher schwieriger in einem gleichberechtigten Team als wenn sie von einem Chef/ einer Chefin gefällt werden?

Ich würde sagen anspruchsvoller. Wobei die andere Seite ja auch nicht einfach ist. Im besten Fall würde ein guter Chef oder eine gute Chefin die Meinung der Mitarbeitenden in die Entscheidungsfindung auch mit einbeziehen. Die Kunst bei uns ist es eine Gesprächskultur aufzubauen, die es uns ermöglicht auch ohne Hierarchien arbeits- und handlungsfähig zu bleiben. Was sich hierfür als sehr wichtig herausgestellt hat, ist bei Entscheidungen nicht nur mit Ja oder Nein abzustimmen sondern Abstufungen vorzunehmen und nochmal genauer Nachzuhören, ob es sich jetzt um ein starkes oder ein schwaches Nein handelt. Somit lassen sich Kompromisse einfacher erreichen und wir blockieren uns weniger.

 

„Zu akzeptieren, dass die eigenen Ideen, auch wenn man sie selbst für sehr gut hält, nicht umgesetzt oder abgelehnt werden, ist für viele am Anfang schwierig.“

 

Würdet ihr denn mehr Umsatz erzielen wenn ihr anders arbeiten würdet?

Ganz bestimmt. Im Gegensatz zu klassischen Fahrradläden stellen wir keine Saisonkräfte ein, sondern tragen unsere Mitarbeitenden über das ganze Jahr hinweg. Dadurch können wir natürlich weniger flexibel auf Phasen reagieren in denen mal mehr mal weniger los ist, aber mit Saisonkräften würde unser Konzept eines gleichberechtigten Teams nicht funktionieren. Außerdem sind auch nicht alle Arbeitskräfte in Vollzeit angestellt, was die häufiger wechselnden Abläufe auch ineffizienter macht.

Warum lohnt sich euer Konzept dennoch bzw. was macht deine Arbeit so zufriedenstellend?

Ich verdiene zwar nicht wahnsinnig viel, aber ich habe eine Arbeitsplatzsituation und ein Team das alles andere als selbstverständlich ist und was auch nicht in Geld aufzuwiegen ist. Ich genieße diese Umgebung des selbstverwaltenden Arbeitens sehr und sehe es als großen Luxus an, dass ich mir das bisher schon so lange leisten konnte und es funktioniert. Außerdem können wir als Team sehr flexibel auf persönliche Probleme der Mitarbeitenden reagieren. Falls mal die Kinder krank sind oder jemand Sorge hat, sich bei der Arbeit mit Corona zu infizieren, ist das Team sehr schnell bereit einzuspringen und den- oder diejenige mitzutragen. Das ist etwas sehr wertvolles was so auch nicht an jedem Arbeitsplatz gegeben ist.

©Tobias Rieker

Wie sieht die finanzielle Beteiligung der Mitarbeitenden bei euch aus?

Unser Jahresgewinn wird unter allen Mitarbeitenden, die mindestens seit einem Jahr eingestellt sind, entsprechend der geleisteten Arbeitsstunden aufgeteilt. Abgesehen davon erhält jede und jeder von uns denselben Stundenlohn, egal ob man schon seit 30 Jahren dabei ist oder erst seit letzter Woche.

 

 

 

Wie wirkt sich aktuell die Corona-Krise auf euer Geschäft aus und inwiefern musstet ihr euch anpassen?

Wirtschaftlich gesehen hatten wir, wie viele Fahrradläden, durch die Krise bisher keine Nachteile, da viele Menschen das Radfahren wieder für sich entdeckt haben oder die Zeit genutzt haben, ihre Fahrräder mal wieder reparieren zu lassen. Allerdings mussten wir uns, aufgrund der Kontaktbeschränkung in kleinere und feste Teams aufteilen. Das ist natürlich ungesund für das Team wenn man nicht mehr alle regelmäßig sieht. Aktuell arbeite ich mit 5 Leuten fest zusammen und sehe die Anderen nur hin und wieder aus der Ferne, was sehr schade ist.

Verfolgt ihr denn eine bestimmte Strategie als Betrieb, wie beispielsweise Erhaltung, Stabilität, Wachstum?

Die Frage nach Wachstum ist bei uns gerade ein großes Thema, da uns in unserem Laden in der Innenstadt zwei Häuser weiter leerstehende Ladenräume angeboten wurden. Das würde uns zwar sehr entlasten, aber es ist auch klar, dass wir unser Team vergrößern müssten, was natürlich die Frage aufwirft, ob unser Konzept des gleichberechtigten Arbeitens auch bei einer größeren Gruppe funktionieren würde. Ich bin da optimistisch. Vor 15 Jahren sind wir noch davon ausgegangen, dass es nur mit maximal 10 Leuten klappen kann, heute sind wir 16 und es funktioniert immer noch. Mittlerweile glaube ich, dass es eher von den Persönlichkeiten und den Methodiken der Entscheidungsfindung abhängt und nicht von der Gruppengröße an sich.

Bei der Strategie ist es eine Gratwanderung: generell sind wir eher auf Stabilität und Erhaltung bedacht, allerdings ist Stillstand für ein Ladengeschäft fast nicht möglich, da alle laufenden Kosten stetig steigen. Auch würden wir als Team gerne in Zukunft mehr verdienen, aber wir sind nicht bereit uns dafür zu verbiegen oder von unserem Konzept abzuweichen. Von daher ist die Frage bisher für uns noch nicht abschließend beantwortet.