Einführung in die Gemeinwohl-Ökonomie. Ein Gespräch mit Dr. Karsten Hoffmann.

Unser aktuelles Wirtschaftssystem steckt in der Krise. Die Klimakatastrophe, eine globale Ungleichverteilung von Geld und Gütern und die Übernutzung natürlicher Ressourcen sind alarmierende Konsequenzen unserer Art des Wirtschaftens. Doch es gibt Alternativen. Die Gemeinwohl-Ökonomie bietet ein umfassendes Konzept, mit deren Hilfe ökologische Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung und demokratische Mitbestimmung als eine neue Art des Wirtschaftens vereint werden. Karsten Hoffmann, Buchautor und Unternehmensberater stellt das Konzept vor.

Worin unterscheidet sich die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) zu unserem aktuellen Wirtschaftssystem? 

In erster Linie folgt die Gemeinwohl-Ökonomie anderen Leitmotiven als die aktuell vorherrschende freie Marktwirtschaft. Anstelle der Eigennutzorientierung, des Gewinnstrebens und der Konkurrenz durch Wettbewerb treten Gemeinwohlorientierung und Kooperation.

Im Detail bedeutet das, dass sich wirtschaftliche Akteure aller Art nicht mehr ihrer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung entziehen können.

Die Gemeinwohl-Ökonomie sieht vor, dass für das Agieren eines Unternehmens nicht allein der betriebswirtschaftliche Gewinn ausschlaggebend ist. Stattdessen sollten Aspekte wie Umweltauswirkungen,  Fairness und soziale Gerechtigkeit unbedingt berücksichtigt werden.

Demnach müssen Unternehmen Produkte und Dienstleistungen konsequent sozial-ökologisch  gestalten, unnötige CO2-Erzeugung vermeiden und positive Beispiele geben, wie eine klimataugliche Zukunft aufgebaut werden kann.

Diese Aspekte sollten auch beim betrieblichen Einkauf, der öffentlichen Vergabe von Aufträgen und der Auswahl von Partnern für die Zusammenarbeit die wichtigste Rolle spielen.

Angesichts externer Herausforderungen wie der Klimakatastrophe oder auch der Coronakrise wird es deutlich, dass wir verstärkt kooperieren müssen, anstatt auf die Effizienz des Wettbewerbs zu vertrauen.

Gemeinwohl-Ökonomie:

Die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) basiert auf Ideen aus den 1990er und 2000er Jahren, die der österreichische Autor und Aktivist Christian Felber erstmals 2010 in einem Buch „Gemeinwohlökonomie“ zusammenfasste. Aus den Diskussionen um dieses Buch entstanden nationale und internationale Trägervereine mit Regionalgruppen, die sich für die Umsetzung der Theorie einsetzen. Deutschlandweit gibt es ca. 250 gemeinwohlbilanzierte Unternehmen und Organisationen. Mehr Infos unter: www.ecogood.org oder in diesem Erklärvideo.

Was sind deiner Meinung nach die kritischsten Aspekte unseres aktuellen Wirtschaftssystems und welche Lösungsvorschläge liefert die GWÖ hierzu?

Für die meisten Unternehmen ist in der Regel allein der betriebswirtschaftliche Gewinn entscheidend. Soziale und ökologische Folgen werden oft nur soweit berücksichtigt, wie sie gesetzlich vorgeschrieben sind – oder gegebenenfalls ignoriert, wie es beispielsweise am Diesel-Skandal deutlich wurde:
Wenn die Lösungen für die gesetzlich vorgeschriebenen Abgaswerte zu teuer oder zu unrentabel sind, wird eher betrogen und im großen Stil Steuerungs-Software manipuliert, um durch die billigere Lösung mehr Gewinn zu realisieren. Die dadurch entstehenden, gesundheitlichen Kosten werden von den herstellenden Marken in Kauf genommen und es zeigt sich, wie wenig gesellschaftliche Verantwortung Unternehmen übernehmen.

Ein weiteres Beispiel: Durch künstlich erzeugten Marktdruck, beispielsweise der Senkung des Ankaufpreises von Milch durch die fünf marktbestimmenden Handelskonzerne, werden Landwirte entgegen ihres Willens zu Produktionsformen gezwungen, die den Ackerboden ruinieren, das Trinkwasser belasten, die Natur zerstören und dem Tierwohl schaden.
Das heißt, ein Großteil der Zerstörung unserer Umwelt erfolgt aus der typisch marktwirtschaftlichen Anforderung: Immer mehr produzieren zu immer billigeren Preisen.

Wir alle wissen, dass ein ewiges Wachstum auf unserem begrenzten Planeten nicht möglich ist, und wir alle sehen die auftretenden Folgen.

Die GWÖ bietet ein umfassendes Konzept zur neuen Bewertung wirtschaftlicher Tätigkeiten. Entscheidend ist hierbei, dass zu allen Punkten eines Betriebs die systematische Einbeziehung von 5 unterschiedlichen Interessensgruppen, nämlich Lieferant:innen, Mitarbeitende, Kund:innen, Eigentümer:innen sowie das gesellschaftliche Umfeld erfolgen sollte.

Die GWÖ benennt dazu vier (Werte-) Säulen, die berücksichtigt werden sollten, nämlich

  1. Die Menschenwürde (Arbeitsbedingungen) 
  2. Soziale Gerechtigkeit und Solidarität
  3. Ökologische Nachhaltigkeit (der Produkte, Produktion, Dienstleistungen) sowie
  4. Beteiligung und Transparenz (in der betrieblichen Organisation).

Auf dieser Basis können Unternehmen, Kommunen oder regionale Organisationen eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen. Interessant dabei ist, dass sie sich noch vor der Erstellung der Bilanz verpflichten, diese zu veröffentlichen. Wie sieht ein solcher Bilanzierungsprozess aus?

Über einen Zeitraum von gewöhnlich mehreren Monaten werden die Bereiche des Unternehmens bezüglich der vier genannten Wertesäulen betrachtet und analysiert, und dies für jede der fünf Interessensgruppen. Das Ergebnis wird dann in einer 5×4 Felder Matrix zusammengefasst, auf der die fünf Interessensgruppen vertikal und die vier Wertesäulen horizontal angeordnet sind. Die Bilanzerstellung kann allein vom Unternehmen vorgenommen werden, durch die Unterstützung zertifizierter Gemeinwohlberater:innen kann dies jedoch schneller und effizienter erstellt werden. Die GWÖ-Bewegung hat dazu Handbücher mit guten Anleitungen erstellt, die kostenlos zum Download zur Verfügung stehen.

Es gibt also 20 Bereiche in denen analysiert, bewertet und weiteres geplant wird. Am Ende wird aus allen Bereichen eine Bilanzsumme errechnet, welche maximal 1.000 Punkte erreichen kann. Die Bilanz betrachtet meist zwei vergangene Jahre und ist nach Erstellung für weitere 2 Jahre gültig.

Bei größeren Unternehmen ist es wichtig, dass aus der Bilanz ein Projekt gemacht wird, in dem die Führungspersonen einbezogen und in die Verantwortung genommen werden, einen nachhaltigen Wandel im Unternehmen anzugehen.

Eine detaillierte Darstellung der Bilanzierung gibt es in diesem Erklärvideo ab Minute 1:35.

Beispiel einer Gemeinwohlbilanz des Tofuherstellers Taifun aus Freiburg.
Quelle: https://www.taifun-tofu.de/de/gemeinwohlbilanz

Welche Vorteile ergeben sich für Unternehmerinnen und Unternehmer aus einer Gemeinwohlbilanz?

Viel wichtiger als das Ergebnis ist eigentlich der Prozess, der durch die Bilanz angestoßen wird. Dass sich im Unternehmen systematisch mit wichtigen Bereichen auseinandergesetzt wird, die häufig durch die alleinige Fokussierung auf den Finanzgewinn übersehen werden, das macht diesen Prozess so wertvoll.

Zudem kommt eine ganze Reihe an weiteren Vorteilen hinzu. Man fördert das Betriebsklima, in dem eventuelle Missstände im Unternehmen aufgedeckt werden, die bisher von den Führungspersonen übersehen wurden.

Das Unternehmen wird attraktiver für künftige Fachkräfte, in dem man nachweislich faire Arbeitsbedingungen, wie Mitbestimmung oder Familienfreundlichkeit vorweisen kann.

Man signalisiert, dass das Unternehmen sich bemüht, Dienstleistungen und den Erzeugungsprozess der Produkte ökologisch nachhaltig zu gestalten und zeigt: Wir leisten unseren Beitrag für Klimaschutz und die Zukunftsfähigkeit unserer Erde. Ich denke, dass gerade die Sinnhaftigkeit eines Unternehmens bei der jungen Generation für die Jobwahl entscheidend ist. Wer in Zukunft qualifizierte Fachkräfte für sich gewinnen will, muss auch mehr für Nachhaltigkeit und Klimaverträglichkeit tun.

Die Gemeinwohlbilanz lässt sich auch zu Marketingzwecken nutzen. So können Dienstleister und produzierende Firmen bei einer größer werdenden Kundschaft punkten, die sich fragt, wie ist der ökologische Fußabdruck dieses Unternehmens oder wie fair sind dessen Handelsbeziehungen.

Schlussendlich sollte es auch die Motivation der Unternehmerinnen und Unternehmer selbst sein, zu zeigen, dass das was das Unternehmen macht einen guten Beitrag für die Zukunft unserer Gesellschaft und unseres Planeten bildet.

Du hast kürzlich mit zwei Kolleg:innen ein Buch veröffentlicht, in dem 24 Praxisfälle von Unternehmen bzw. Gemeinden vorgestellt werden, die sich für das Gemeinwohl einsetzen. Was war für dich ein besonders eindrücklicher Fall?

Zunächst möchte ich betonen, dass wir als Herausgeber zu dritt dieses Buchprojekt gestemmt haben und dabei durch 22 weitere Autor:innen unterstützt wurden. Während der Arbeitszeit zu dem Buch habe ich so viele eindrückliche Geschichten gelesen oder erzählt bekommen, dass es mir schwerfällt, eine besonders hervorzuheben. Daher hier am besten eine Geschichte, aus der ich einiges lernen konnte.

Sie befasst sich mit der Frage: was ist eigentlich in unserer Outdoor-Kleidung drin? Neben dem Stoff sind es eine Menge Chemikalien, in vielen Fällen auch gefährliche Giftstoffe. Sogenannte Fluorcarbone – auch kurz PFC genannt – befanden sich 2010 in nahezu allen wasserabweisenden Textilien. Greenpeace startete hierzu 2011 eine großangelegte Kampagne, in der die Hersteller zur PFC-freien Produktion aufgefordert wurden.

Die Geschäftsführerin der Marke VAUDE, Antje von Dewitz, setzte sich zu diesem Zeitpunkt bereits für eine nachhaltige Kleidungsproduktion ein, wurde aber von Greenpeace für die damals noch enthaltenen Giftstoffe in der Kleidung öffentlich kritisiert. Im Buch wird die langjährige Auseinandersetzung zwischen Greenpeace und VAUDE beschrieben, an deren Streit-Ende eine Einigung entstand. 2016 hat Vaude das „Greenpeace Detox Commitment“ unterschrieben, in dem sich die Marke freiwillig dazu verpflichtet, alle bedenklichen Giftstoffe bis 2020 aus dem Produktionsprozess zu entfernen. Es war also ein harter Konflikt und eine längere Auseinandersetzung, die sich letzten Endes aber für beide Parteien gelohnt hat.

Über die Person:

Dr. Karsten Hoffmann hat nach Studium der Mathematik und Promotion im Bereich Fertigungstechnik (Computersimulation) 10 Jahre in einer Unternehmensberatung erfolgreich IT-Projekte realisiert. 1999 machte er sich als Projektmanager und Projektmanagement-Trainer selbstständig und gründete und leitete bis Ende 2018 das Steinbeis-Transferzentrum IT-Projektmanagement in Stuttgart.

Seit 2019 lebt er in Freiburg und hat dort das Steinbeis-Transferzentrum Zusammenarbeit – Entwicklung – Nachhaltigkeit gegründet.

Über das Buchprojekt

Anfang des Jahres erschien das von Karsten Hoffmann initiierte Buch 24 wahre Geschichten vom Tun und vom Lassen – Gemeinwohl-Ökonomie in der Praxis. Es stellt 24 visionäre Unternehmen, Organisationen und Gemeinden vor, die sich für das Gemeinwohl einsetzen.

Mehr Infos unter: www.24-wahre-geschichten.de